Gestalttherapie

Gestalttherapie – Was ist das eigentlich?
Die Gestalttherapie zählt zur humanistischen Psychologie und wurde von Fritz Perls, Laura Perls und Paul Goodman gegründet. Sie hat sich aus der Psychoanalyse, vor allem aus deren Abgrenzung entwickelt. Prägend waren auch die Einflüsse des holistischen, phänomenologischen und existenziellen Denken des 20. Jahrhunderts.

Zentrale Begriffe und Konzepte der Gestalttherapie

Zentraler Begriff in der Gestalttherapie ist das namensgebende Wort Gestalt, das Fritz und Lore Perls gewählt und wie folgt definiert haben:

Gestalt! Wie kann ich klar machen, dass es sich dabei nicht auch bloß um ein weiteres, vom Menschen ersonnenes Konzept handelt? Wie kann ich verdeutlichen, dass Gestalt – nicht nur in der Psychologie – etwas der Natur Innewohnendes ist?

Aus: Fritz Perls, Gestalt-Wahrnehmung. Frankfurt 1980 S. 64

Eine Gestalt ist für Gestalttherapeuten nur sichtbar auf einem Hintergrund, von dem sich die eigentliche Gestalt oder Figur abheben kann. Ein weißer Fleck zeigt sich nur auf einer farbigen Fläche, Linien werden vom menschlichen Auge je nach Hintergrund vervollständigt, da Menschen diese Gestalten schließen wollen. Das Ganze ist in der Gestalttherapie immer mehr als die Summe einzelner Elemente.

Das Gewahrsein (oft auch übersetzt mit Bewusstheit, engl. Begriff lautet „awareness“) zu verfeinern ist das Ziel einer gestalttherapeutischen Sitzung. Der Klient soll alle Empfindungen und Bedürfnisse achtsam erspüren und ausdrücken lernen – und zwar im Hier und Jetzt. Die gegenwärtige Situation wird als „Ort“ betrachtet, an dem Veränderung geschieht. Vergangenheit kommt als Erinnerung und die Zukunft als Planung ins Spiel. Der Gestalttherapeut gibt entweder eine direkte Rückmeldung, oder entwickelt aus der Therapiesituation heraus Übungen oder regt zu Experimenten an.

Die vier zentralen Methoden der Gestalttherapie

  1. Dialogisch
    Der Gestalttherapeut sieht sich als partnerschaftlichen Begleiter des Klienten und entwickelt mit ihm zusammen Techniken, die er als Angebot unterbreitet. Er legt dabei wert auf Transparenz seiner Arbeit und der angestrebten Ziele. Gemeinsam werden die angewandten Techniken reflektiert und eventuell verändert oder fallen gelassen.
  2. Feldtheoretisch
    In den Augen der Gestalttherapie steht der Mensch in einem kontinuierlichen Austausch mit seiner Umwelt, die eine ständige, gegenseitige Anpassung erforderlich macht. Die Gestalttherapie unterstützt den Klienten darin, diese Anpassungsprozesse an sein jeweiliges (Um)- „Feld“ zu erforschen und automatisch ablaufende Verhaltensmuster zu erkennen. Erst wenn der Mensch diese Prozesse bewusst wahrnimmt, kann er sich auch bewusst dafür oder dagegen entscheiden sie zu tun oder nicht zu tun.
  3. Phänomenologisch
    In der Gestalttherapie wird vom Therapeuten erwartet, dass er alle Vorannahmen, Vermutungen und Erwartungen über den Klienten zurückzustellt, mit dem Ziel der Unvoreingenommenheit und Wachheit aller Sinne. Die Wahrnehmung und Beschreibung dessen was gerade ist, hat Vorrang vor jeder Form von Interpretation oder Spekulation. Ein Gestalttherapeut regt seinen Klienten an, aktuell ablaufende Prozesse zu beschreiben, da diese Strategie der Achtsamkeit per se heilsam sein kann.
  4. Existentialistisch
    Aus gestalttherapeutischer Sicht sind Menschen verantwortlich dafür, wie sie die Welt sehen und vor allem, wie sie darauf mit Handlungen reagieren. Allerdings ist diese Verantwortungsübernahme nicht im moralischen Sinne gemeint, sondern weist uns darauf hin, dass wir alle, ob wir wollen oder nicht, auf die An-Forderungen des Lebens, der Umwelt, antworten müssen. Und dass diese Antworten, diese Entscheidungen eine Konsequenz haben, für die wir „ver-antwortlich“ sind.

Einige Techniken der Gestalttherapie

  • Übungen:
    Hier soll der Klient erleben, wie er sich in vorgegebenen Situationen – im „Feld“ verhält und damit etwas gestaltet. Ziel ist die Förderung von Bewusstheit im Erleben und Handeln.
  • Experimente:
    Hier geht es vor allem um das Ausprobien, das Erleben und Erforschen. Ein Experiment ist im Unterschied zu einer Übung genau auf die Situation bzw. die Person zugeschnitten.
  • Hausaufgaben:
    Hausaufgaben sind Experimente, die während einer gestalttherapeutischen Sitzung gemeinsam entwickelt werden, vom Klienten dann aber außerhalb der Therapie durchgeführt werden.
  • Situationsbezogene Interventionen:
    Hier gibt der Gestalttherapeut kurze Mitteilungen oder Rückmeldungen an den Klienten, die sich im Rahmen des dialogischen Settings ergeben.
  • Medien und Modalitäten:
    Außer der Sprache nutzen Gestalttherapeuten den Körper als Medium um Rückmeldung zu geben über Atmung, Haltung, Körperbewegung … Sie fordern oft auf, damit zu experimentieren.

Eine Beispiel-Methode der Gestalt Therapie: Der „leere Stuhl“
Bei dieser bekannten Technik der Gestalttherapie wird ein leerer, unbesetzter Stuhl eingesetzt. Er dient als Platzhalter für Bezugspersonen, die abwesend und gleichzeitig bedeutsam für den Klienten sind. Der Gestalttherapeut fordert bei dieser „Phantasiegespräch-Technik“ den Klienten auf, sich vorzustellen, dass die abwesende Person oder das Gefühl auf dem leeren Stuhl säße. Mit dem Wechsel von Rede und Gegenrede kann der Gestalttherapeut den Klienten auch auffordern den äußeren Platz aktiv zu wechseln und sich jeweils auf den Stuhl zusetzen, auf dem die momentan aktive Seite sich gerade Gehör verschaffen möchte.