August 2015: Manchmal red‘ ich so wie meine Mutter

Oups, da war er wieder, dieser Satz, den ich als Kind nie leiden konnte und der doch gerade eben aus meinem Mund kam, als unser Sohn uns mitteilte, dass er sein Studium wohl um ein bis zwei Semester verlängern muss:

„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“

Das war ein geflügeltes Wort in meinem Elternhaus. Von meiner Freundin hörte ich vor kurzem die verschärfte Variante, denn bei ihr gab es früher noch den Zusatz „Und Arbeit gibt’s immer!“.

Welche Sprüche wurden Ihnen als Kind in wohl gemeinter Absicht um die Ohren gehauen? Waren es die Klassiker à la „Warte erst mal, bis du groß bist!“ oder „Solange du die Füße unter unseren Tisch streckst …“ oder die besonders verletzenden Worte im Sinne von: „Du bist ein Nagel an meinem Sarg, du bist das schwarze Schaf der Familie, ohne Dich wäre mein Leben ganz anders verlaufen“?

Worte können wehtun und manchmal schmerzen die Narben der Kindheit auch heute noch, alleine beim Drandenken. Wichtig ist, wie Sie damit umgehen beziehungsweise in Zukunft damit umgehen wollen.

Wie schaut’s da bei Ihnen aus?

Stehen Sie bereits drüber und können es als Blödspruch – als Schmarrn, wie die Bayern sagen – abtun? Oder erschrecken Sie, sobald diese Worte ausgesprochen sind und denken, dass das jetzt echt spießig ist, oder dass Sie gemein zu Ihrem Kind waren (möglicherweise plagt Sie sogar das schlechte Gewissen stundenlang)?

Oder ist Ihnen beim Lesen dieser Zeilen gerade bewusst geworden, dass Sie einige dieser Sprüche schon so fest im Sprachgebrauch haben, dass sie automatisch aus Ihrem Mund kommen?

“Ich will das nicht!“

Hier die gute Nachricht: Sie können ab sofort etwas ändern, denn der Floh sitzt nun im Ohr. Sie werden sich dabei ertappen, spätestens wenn er wieder raus ist, dieser Satz, den Sie als Kind nicht leiden konnten. Sie sind nicht gezwungen weiterhin als Automat durch die Gegend zu laufen, der unreflektiert das wiedergibt, das man ihm mitgegeben hat.

Wie wär’s mit einem Experiment?

Hören Sie sich morgen den ganzen Tag bewusst zu. Vielleicht hilft dabei das Bild vom Mars-Männlein, das die Menschen auf der Erde voller Staunen beobachtet und genau hinhört, was diese so alles schwätzen. Mit dieser Perspektive von oben fällt es erfahrungsgemäß leichter, sich selbst zuzuhören, ohne das Gesagte gleich zu bewerten.

Wenn Ihnen einer dieser Elternsprüche dann doch mal rausrutscht, dann lächeln Sie, schütteln Sie amüsiert den Kopf und lächeln weiter, denn das ist der Weg, um freier zu werden von alten Mustern.

Vielleicht können Sie mit der Zeit sogar richtig lachen und nicht nur lächeln, dass Sie schon wieder solch einen Blöd-Satz gesagt haben, den kein Mensch braucht und schon gar nicht ihr Kind.

Oder Sie merken plötzlich, dass der Satz gar nicht sooo verkehrt ist, dass es nur auf die Art und Weise ankommt, wie er eingesetzt wird. Damit spielen Sie sich im wahrsten Sinne des Wortes frei – frei von alten Mustern, hin zur Eigen-Art.

Experimentierfreudige Grüße von
Ulrike Strubel