Januar 2017: So sprechen Sie Fehler stressfrei an

Es gibt Fehler, über die können und wollen wir nicht hinwegsehen, denn sie sind keine Lappalie, wie einfach mal zu vergessen, die Milch einzukaufen. Also ansprechen.

Hier wird’s für die meisten schwierig. Denn wenn etwas so wichtig ist, dass man nicht damit leben kann, ist man meistens emotional. Vielleicht ärgern Sie sich insgeheim eh schon länger, haben bisher aber den Mund gehalten. Dann sind Sie sowieso schon aufgeladen und wissen, dass ein Gespräch gerade gar keine gute Idee ist. Also lieber noch mal warten …?

Auf keinen Fall!

Beziehungen aller Art leiden, wenn wir nicht rechtzeitig miteinander reden. Darum führt oft die berühmte offene Zahnpastatube zur Trennung, auch wenn allen Beteiligten klar ist, dass es nicht um die Tube an sich geht.

Nun ist unser Zögern, Klartext zu reden nur zu verständlich: Wir alle streben nach Harmonie. Wir wollen mit anderen klargekommen, erst recht, wenn wir in einer engeren Beziehung zueinander stehen – der Kollege, mit dem Sie täglich zu tun haben; Ihre Familie, mit der Sie nicht streiten wollen und und und

Heute zeige ich Ihnen, wie Sie andere auf Fehler oder Missverhalten ansprechen können, das Ihnen wirklich wichtig ist. Gleichzeitig erfahren Sie, dass dieses offene Miteinander-reden Ihre Beziehungen sogar stärken kann. Das sind doch blendende Aussichten, nicht wahr?!

Richter spielen – oder: Lass uns reden

Wenn jemand einen Fehler macht, der uns echt stört, dann sind wir automatisch Richter. „Das macht man nicht“, „wie rücksichtslos“ oder gar „Ich würde sowas nie machen“. Der andere wird automatisch zum Angeklagten, und wenn sie ihn mit solchen Vorwürfen regelrecht angreifen, wird er in den Rechtfertigungsmodus verfallen. Das ist dann kein Gespräch, sondern es wird ein Verhör und dann kommt es drauf an, wie Sie beide sich verhalten. Vom Dominieren übers Einknicken bis hin zum Höllenstreit ist alles drin. Geklärt ist dann nichts, auch wenn der andere sogar inhaltlich einverstanden war oder Ihnen zu Liebe gerne sein Verhalten verändert hätte.

„Druck erzeugt Gegendruck“ heißt es nicht umsonst. Wer angreift, bekommt Front.

Vermeiden können Sie diese Falle ganz einfach, in dem Sie das Missgeschick direkt und deutlich ansprechen. Äußern Sie ruhig Ihren Unmut, aber so, dass Ihr Gegenüber nachvollziehen kann, was genau und vor allem warum es Sie stört. Ohne Angriff und Bewertungen.

Beschreiben Sie so konkret wie möglich, was genau passiert ist, wie es ihnen damit geht und dass sie gemeinsam eine Lösung suchen wollen.

Damit der Tonfall stimmt, hier noch ein zusätzlicher Tipp: Stellen Sie sich vor, es wäre Ghandi gewesen, dem das passiert wäre. Wie hätten Sie mit ihm darüber gesprochen?

Offene Bühne – oder: Vier Augen

Keiner von uns wird gerne vor anderen gerügt oder getadelt, denn das gleicht der mittelalterlichen Methode des öffentlich an den Pranger gestellt werden. Vermeiden Sie also Publikum, wenn es um heikle Gespräche geht. Das gilt übrigens ganz besonders auch für Familie und Freunde, wo wir da oft nachlässiger sind, gerade weil es der vertraute Kreis ist. Ja, bitte sprechen Sie auch Ihre Kinder nicht auf Fehlverhalten an, wenn andere dabei sind – auch wenns „nur“ die Geschwister sind.

Wählen Sie ganz bewusst den Ort und Zeitpunkt aus. Fragen, die dabei helfen können sind: Wie viel Zeit wird das Gespräch ungefähr brauchen? Wo und wann sind wir so lange ungestört? Gibt es etwas, das die Atmosphäre im Raum angenehm für beide Seiten macht? Wie und wo will ich ihn ansprechen und dazu einladen? Wie kann ich die Einladung zum Gespräch so formulieren, dass mein Gegenüber keine Angst davor hat, aber trotzdem weiß, worum es mir geht?

Schon alleine diese sorgsame Vorbereitung unterstreicht, dass Ihnen die Sache sehr wichtig ist und dass Sie respektvoll damit umgehen. Beides wirkt sich positiv auch auf den anderen aus und seine Bereitschaft, offen für Ihr Anliegen zu sein.

Minus-Punkte sammeln – oder: Positiv-Punkte finden

„Ein Fehler kommt selten allein“, sagt der Volksmund, daher heißt es an dieser Stelle, ganz besonders vorsichtig zu sein, denn wer Fehler sucht, der findet auch welche.

Sie haben EIN Anliegen und nur darum geht es. Manchmal hilft es, das Thema tatsächlich auf den Tisch zu legen und zwar schriftlich, denn das hilft auch Ihnen, wirklich nur bei diesem einen, ärgerlichen Vorkommnis zu bleiben.

Spätestens im Gespräch gilt es nämlich auch noch, auf Kurs zu bleiben. Denn jetzt reagieren beide auf das, was der jeweils andere sagt. Und Sie können wetten, dass irgendein anderes Thema dazukommt („Du machst aber …“). Führen Sie dann zurück aufs Thema. Hat der andere ebenfalls etwas, das ihn schon länger stört, dann parken Sie es bis Ihr Anliegen besprochen ist.

Was auf jeden Fall tabu ist, ist das Aufrechnen!

Extra-Tipp für eine gelassene und sichere Vorbereitung: Richten Sie Ihre Wahrnehmung gezielt auch auf positives Verhalten des anderen. Das ist sehr wichtig, denn wenn wir uns über etwas aufregen, dann haben wir den Fokus auf das, was stört. Wir brauchen also unsere innere Ausgewogenheit, um konstruktiv in ein schwieriges Gespräch zu gehen.

Misstrauen und Zweifeln – oder: „Erfolgskontrolle“

Gehen wir mal davon aus, das Gespräch ist gut gelaufen und ihr Gegenüber ist bereit aus dem Fehler zu lernen. Nun lauert nur noch eine Falle am Ende des Gesprächs und die hat wieder etwas mit Ihnen zu tun: Glauben Sie wirklich, dass der andere bereit und in der Lage ist, es beim nächsten Mal besser, sprich anders zu machen?

Es ist ja eine Sache, darüber zu reden und vielleicht sogar versprochen zu bekommen, dass „es nicht wieder vorkommt“. Eine ganz andere ist es, das auch einzuhalten.

Auch wenn man vom Kopf her gerne, einschlagen möchte und erleichtert auseinandergehen, gibt es nach solchen Lippenbekenntnissen doch oft noch insgeheime Zweifel, ob der andere es wirklich tut (oder lässt). Wenn Sie noch zweifeln, dürfen Sie jetzt nicht auseinandergehen. Die Frage ist dann: Was würde Sie zuversichtlicher machen?

Das ist nicht nur für Sie selbst wichtig, sondern auch für Ihr Gegenüber: Denn er spürt ganz genau, ob sie ihm zutrauen, dass er hält, was er verspricht.

Wann immer Sie gemeinsam etwas vereinbaren, tut es Ihnen beiden gut, wenn Sie eine Erfolgskontrolle machen. Bei einmaligen Dingen kann es bedeuten, dass Sie sich offen freuen und bedanken, wenn es eingehalten wurde. Bei längerfristigen Themen kann es bedeuten, dass Sie erst mal kleine Teilschritte ausmachen und die gemeinsam überprüfen.

„Erfolgskontrolle“ heißt nicht, dass Sie kontrollieren, was der andere tut. Sondern es bedeutet, dass Sie sich beide auf etwas geeinigt haben, das dann aber auch sicher umgesetzt wird.

Bitte keine Goldwaage!

Ansonsten gilt wie immer im Leben „shit happens“. Zum Leben gehören Fehler, Missgeschicke und Fettnäpfchen einfach dazu. Darum ist auch eine Portion Gelassenheit mit anderen immer eine gute Idee. Haben Sie also bitte keine zu fein eingestellten Fehler-Antennen. Ihr nächstes Missgeschick kommt ganz bestimmt …

Fehlerfreundliche Grüße von
Ulrike Strubel